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Liebe Besucherinnen und Besucher ! Seit etwa 100 Jahren
ist das Phänomen bekannt, dass Kinder, die eigentlich ganz clever sind, einfach nicht
richtig lesen und schreiben lernen. Es hat viele Versuche gegeben, das Problem zu beheben
oder zu verringern, doch so ganz erfolgreich waren alle Bemühungen nicht. In den letzten
Jahrzehnten wurde das Problem mit dem Fachwort Legasthenie beschrieben. Weil Legasthenie
das Problem zu scharf ab- und eingrenzte, hat sich deshalb das Kürzel LRS für die
verbreitete Lese-Rechtschreib-Schwäche durchgesetzt.
Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie
Es gab und gibt immer wieder Kinder, die mehr oder minder
ausgeprägte Schwächen im Lesen und im Schreiben zeigen. Besonders auffällig sind
dabei Kinder, die unter der definierten Unter 100 Kindern finden sich etwa 5 Kinder mit
Anzeichen von Legasthenie. Das sind etwa 5 % aller Kinder. In den meisten Fällen hat die
Schreib-Lese-Schwäche andere Hintergründe. Fachleute listen hier eine Reihe von
möglichen Ursachen auf. Lassen Sie mich die verbreitetsten Ursachen in Kürze nennen:
Geringe Begabung ist eine der Ursachen für schwache Leistungen im
Lesen und Schreiben.
Als Ursache einer Legasthenie ist geringe Begabung aber auszuschließen, weil
Legasthenie in aller Regel mit mindestens durchschnittlicher Begabung, meist sogar mit
überdurchschnittlicher Begabung auftritt.
Auch Unterricht und / oder Lehrer können der Grund für die
Lese- und Schreibschwäche eines Kindes sein. In der Zeit, als man die
Ganzwort-Methode als das Non-Plus-Ultra des Lernens hielt und die Schulen zwang, nach
dieser Methode zu unterrichten, grassierte die Lese-Rechtschreibschwäche wie eine
Grippe-Epidemie in den Schulen. Weil man das versagen der Leselern-Methode nicht zugeben
wollte, stempelte man seinerzeit viele der lese-rechtschreibschwachen Kinder flugs
zu Legasthenikern. So viele Legasteniker wie in dieser Zeit habe ich in der Schule nie
mehr erlebt. Aus dieser Zeit und vor diesem Hintergrund vertrete ich heute wie früher die
Thesen: "Nicht selten werden Legastheniker gemacht !" bzw.
"Legastheniker passieren !"
Neben ungeeigneten Methoden kann auch ein nicht konsequent
durchgeführter Lese-Schreib-Lehrgang zu Leistrungsschwächen im Lesen und Schreiben
führen.
Lese- und Schreibschwächen gründen auch in Brüchen in der
Lese-Schreib-Lernphase, die u.a. durch Umzug, Trennung der Eltern oder auch Lehrerwechsel
bedingt sein können.
Dem Lernen nicht zuträgliches Verhalten seitens eines
Schülers/einer Schülering kann ebenfalls der Grund für eine Lese-Rechtschreib-Schwäche
sein. Wenn Kinder seitens des Elternhauses nicht auf das Lernen hin erzogen sind und sie
auch in der Schule nicht bereit, nicht willens oder ncht fähig sind, dem Unterricht zu
folgen, führt dieses in aller Regel zu Minderleistungen im Lesen und Schreiben.
Auch gesundheitliche Beeinträchtigungen können Ursache für Lese-
und Rechtschreibschwäche sein. Denken Sie an ein Kind mit nicht erkannter Fehlsichtigkeit
oder Hörbehinderungen. Dank der Schulvoruntersuchungen können diese Behinderungen jedoch
in aller Regel rechtzeitig erkannt ausgeglichen werden.
Schließlich ist als Ursache von Schreib-Lese-Schwächen die
eigentlich Legasthenie zu nennen. Sie wird in den kommenden Ausführungen näher
behandelt.
Legasthenie gilt heute als eine spezielle
Ausprägung der Lese-Schreib-Leseschwäche
Wenn die Schulleistungen eines Kindes in fast allen Fächern
befriedigend oder sogar gut sind, aber im Fach Deutsch Probleme beim Lesen und in der
Rechtschreibung auftreten, liegt aller Wahrscheinlichkeit nach eine Legasthenie vor.
Ein wenig präziser kann man es so formulieren:
Wenn Schwierigkeiten beim Schreiben und Lesen auftreten, obwohl eine
relativ hohe Intelligenz zu erkennen ist, liegt der Verdacht nahe, dass in diesem Fall
eine Legasthenie vorliegt. Aus diesem Grund ist ein Intelligenz-Test stets einer der
Diagnose-Bausteine bei der Untersuchung auf Legasthenie.
Die Diskrepanz zwischen schwachen Schreib- und Lese-Leistungen und
einer offensichtlich durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Intelligenz hat
Praktiker und Forscher schon vor über 100 Jahren nachdenklich gestimmt und sie
veranlasst, den Ursachen dieser Leistungs-Diskrepanz auf den Grund zu gehen.
Was deutet auf Legasthenie hin ?
Wenn Kinder Wörter unvollständig schreiben, Buchstabenfolgen
verdrehen, schwer lesbar schreiben, Klein- und Großschreibung nicht beachten und Texte
ohne Punkt und Komma schreiben, kann dies ein Hinweis auf Legasthenie sein.
Stockendes Lesen mit vielen Lesefehlern und nicht textgerechter
Betonung sind weitere Hinweise.
Wenn dann die Kinder noch sehr lange an ihren Aufgaben sitzen
und alle Übung nichts hilft, ist es Zeit, ein Gepräch mit dem/r Klassenlehrer/in
und dem schulpsychologischen Dienst zu suchen.
Was geschieht beim Verdacht auf Legasthenie ?
Vom schulpsychologischen Dienst wird zunächst einmal ein
Intelligenz-Test vorgenommen, um zu klären, ob hier nicht eine allgemeine geringe
Begabung bzw. eine allgemeine Lernbehinderung vorliegt. Zeigt der Test, dass das Kind
angesichts der ermittelten Intelligenz sowohl schreiben als auch lesen können müsste,
werden zum Nachweis der Legasthenie spezielle Schreib- und Lesetest durchgeführt.
Wie kann man Legasthenie-Kindern helfen ?
Dazu verdeutlichen wir uns zuerst einmal das Problem. Legastheniker
können schwer strukturieren. Vor ihren Augen und in ihrem Kopf purzeln Buchstaben und
Wörter förmlich durcheinander. Zur Therapie heißt es jetzt, möglichst viel Ordnung in
die Buchstaben, in die Wörter in den Text und auch in den gesamten Untericht zu bringen.
Je übersichtlicher der Unterricht und die Lernschritte vonstatten
gehen, desto mehr kann der Legastheniker davon profitieren. Praktisch heißt das:
Das Unterrichtsangebot muss sorgfältig gegliedert sein und
übersichtlich angeboten werden.
Wir müssen das Unterrichtsangebot in Menge und Umfang ordnen.
Lieber 10 kleine verdauliche Happen, als zwei zu große Stücke, an denen sich
Legastheniker verschlucken.
Es heißt aber auch, einen straffen Lern- und Lehrplan
entwickeln, damit kein Lernziel verloren geht und so zu Lücken führt.
Letztere Ratschläge gelten als Therapie in einfachen Fällen und als
vorbeugende Maßnahmen. In vielen Fällen ist es angeraten, Rat und Hilfe in einer
lernpsychologischen Praxis zu suchen.
Mehr zu LRS auf den entsprechenden Seiten von www.wikipedia.de
Im frei zugänglichen und frei nutzbaren
Internet-Lexikon www.wikipedia.de finden Sie
ausführliche Informationen, Hintergrundwissen und Hinweise auf Fachliteratur bezüglich
LRS und Legasthenie.Einen Auszug aus Wikipdia finden Sie im Anschluss an diese Zeilen.
Wikipedia ist ein frei nutzbares Lexikon und erlaubt auch, Inhalte zu kopieren und zu
publizieren, sofern auf die Quelle hingewiesen wird. Die folgenden Beiträge sind im
Format - nicht inhaltlich - an diese WebSite angepasst. Die Original-Beiträge finden Sie
unter www.wikipedia.de unter den
Such-Begriffen LRS oder Legasthenie.
Experten in www.wikipedia.de zu LRS und Legasthenie
Unter der Legasthenie , (altgriechisch: legein für
sprechen [hier lesen, schreiben,
"auslegen"], a für nicht [hier "un-"], sthenos/sthenein
für Kraft/ stark sein [hier imstande sein];
unfähig-sein-auszulegen, Lese-Rechtschreibstörung; Lese-Rechtschreib-Schwäche;
Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit; LRS) versteht man eine massive und lang andauernde
Störung des Erwerbs der Schriftsprache.
Die betroffenen Personen (Legastheniker) haben Probleme mit der
Umsetzung der gesprochenen zur geschriebenen Sprache und umgekehrt. Als Ursache werden
eine genetische Disposition, Probleme der auditiven und visuellen Wahrnehmungsverarbeitung
, der Verarbeitung der Sprache und vor allem der Phonetik angenommen. Die
Störung tritt isoliert und erwartungswidrig auf, d. h. die schriftsprachlichen Probleme
entstehen, ohne dass es eine plausible Erklärung wie eine generelle Minderbegabung oder
schlechte Beschulung gibt. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie geht davon aus,
dass in Deutschland 4 % der Schüler von einer Legasthenie betroffen sind. Bei
frühzeitiger Erkennung können die Probleme meist kompensiert werden; je später eine
Therapie ansetzt, desto geringer sind in der Regel die Effekte.
Erscheinungsbild
Gemäß der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen der
Weltgesundheitsorganisation WHO wird zwischen der Lese-Rechtschreibstörung , der
isolierten Rechtschreibstörung und einer kombinierten Störung schulischer
Fertigkeiten unterschieden. Zu Beginn des Schriftspracherwerbs können Probleme beim
Aufsagen des Alphabets, der Benennung von Buchstaben oder dem Bilden von Reimen auftreten.
Später zeigen sich Leseprobleme, die folgende Formen annehmen können:
- Auslassen, Verdrehen oder Hinzufügen von Wörtern oder Wortteilen
- niedrige Lesegeschwindigkeit
- Ersetzen von Buchstaben, Silben und Wörtern
- Startschwierigkeiten beim Vorlesen, langes Zögern oder Verlieren der Zeile im Text
- Vertauschen von Wörtern im Satz oder von Buchstaben in den Wörtern
- Schwierigkeiten bei Doppellauten
Ebenso können Probleme im Leseverständnis auftreten, die sich folgendermaßen
äußern:
- Unfähigkeit, Gelesenes wiederzugeben, aus Gelesenem Schlüsse zu ziehen oder
Zusammenhänge zu sehen
- Gebrauch allgemeinen Wissens anstelle der Textinformationen beim Beantworten von
Fragen
Diese Lese- und Rechtschreibfehler sind nicht typisch für Kinder mit Legasthenie,
sondern alle Kinder, die das Lesen und Schreiben erlernen, machen anfänglich die gleichen
Fehler in verschieden starkem Ausmaß. Bei den meisten Kindern nehmen die Probleme jedoch
sehr rasch ab und verschwinden schließlich weitgehend. Kinder mit Legasthenie machen die
Fehler wesentlich häufiger und die Probleme bleiben über lange Zeit stabil. Auffällig
ist die enorme Inkonstanz der Fehler: Weder ist es möglich, stabile Fehlerprofile zu
ermitteln, noch gibt es eine bestimmte Systematik der Fehler. Ein und dasselbe Wort wird
immer wieder unterschiedlich falsch geschrieben.
Auch wenn eine Legasthenie nicht anhand der Fehlertypen diagnostiziert werden
kann, so hat sich doch unter therapeutischen Gesichtspunkten eine Unterteilung der Fehler
in die folgenden Fehlerarten als hilfreich erwiesen:
- Phonemfehler als Verstöße gegen die lautgetreue Schreibung (Verstöße gegen die
Buchstaben-Laut-Zuordnungsregeln, Probleme bei der Wortdurchgliederung: Auslassungen,
Verdrehungen, Hinzufügungen)
- Regelfehler als Verstöße gegen die regelhaften Abweichungen von der lautgetreuen
Schreibung (Ableitungsfehler, Groß-/Kleinschreibungsfehler)
- Speicherfehler oder Merkfehler als Verstöße gegen die regelhaften Abweichungen
- Restfehler
- Da es sich in der Praxis bewährt hat, eher auf den Stärken als auf den Schwächen
der Schüler aufzubauen und vor allem auf ein positives Arbeitsklima Wert zu legen,
sollten Fehlerbeobachtungen diskret und im Hintergrund durchgeführt werden.
Ursache
Zur Entstehung einer Legasthenie können vielfältige Ursachen beitragen, wobei in
aller Regel verschiedene Faktoren zusammenwirken. Andererseits führen einzelne
Einflüsse, wie z. B. eine genetische Vulnerabilität nicht zwangsläufig zur
Herausbildung einer Lernstörung sondern können durch präventive Maßnahmen im
Vorschulalter und weitere intensive Betreuung während der gesamten Schul- und
Ausbildungszeit kompensiert werden.
Derzeit werden unter anderem die folgenden Ursachen diskutiert:
- Genetik Da Legasthenie in Familien gehäuft auftritt, wird in jüngerer Zeit
verstärkt eine genetische Komponente diskutiert. Da die Konkordanz für Legasthenie bei
eineiigen Zwillingen 68 %, bei zweieiigen Zwillingen hingegen nur 38 % beträgt,
ist ein substantieller genetischer Einfluss nicht von der Hand zu weisen. Man
vermutet eine polygenetische Ursache mit Bezug zu den Chromosomen 2, 3, 6, 18 und vor
allem 15. 2006 hat ein deutsch-schwedisches Forscherteam auf dem 6. Chromosom ein Gen mit
der Bezeichnung DCDC2 identifiziert, das mit Legasthenie anscheinend deutlich korreliert
ist. Es wird angenommen, dass dieses Gen bei der Entwicklung des Gehirns und dabei
insbesondere bei der Migration der Nervenzellen im fetalen Gehirn eine Rolle spielt.
Daneben werden aber auch noch verschiedene andere Gene als Ursache der Legasthenie
diskutiert, sodass derzeit nicht von einer monogenetischen Ursache ausgegangen werden
kann.
- Neurologie: Bereits Neugeborene aus Risikofamilien zeigen abweichende
Hirnstrommuster bei der Darbietung sprachlicher und nicht-sprachlicher akustischer
Stimuli. Auch bei Schülern und Erwachsenen mit Legasthenie konnten mit Hilfe von
bildgebenden Verfahren beim Lesen Abweichungen der Aktivierungsmuster in der
Großhirnrinde nachgewiesen werden. Diese betreffen vorwiegend die
sprachverarbeitenden Zentren im Schläfen- und Stirnlappen der linken Hirnhälfte, in der
im Vergleich zu nicht-legasthenen Personen andere Aktivierungszentren und -lokalisationen
zu finden sind. Man beobachtete auch, dass die zuständigen Hirnzentren nicht ausreichend
synchron arbeiten oder nicht ausreichend vernetzt sind. Weiterhin liegen Hinweise auf ein
Defizit in der Verarbeitung schneller Folgen von Stimuli vor, das auf eine weniger
effiziente Erregungsweiterleitung in der Seh- und Hörbahn zurückzuführen ist. In diesem
Zusammenhang wurde auch eine Deregulierung der Blicksteuerung beobachtet: Die
Blicksprünge von Kindern mit Legasthenie sind oft zeitlich unpräziser als diejenigen
gleichaltriger Kinder und bis zu 60% der legasthenischen Kinder haben Probleme, ihren
Blick bewusst präzise so zu steuern, wie es beim Lesen von Text nötig ist: wenn die
laufende Wort- oder Silbenerkennung erfolgreich beendet ist, muss der nächste Blicksprung
zum nächsten Wort (Silbe) erfolgen.
- Risikofaktor Sprachentwicklungsverzögerung: Kinder durchschreiten mit ca. 18 bis
24 Monaten die 50-Wort-Grenze und beginnen, Zwei-Wortsätze zu verwenden. 13
bis 20 % der Kinder verfügen jedoch auch im Alter von 24 Monaten noch nicht über 50
Wörter. Diese Kinder bezeichnet man als late talkers. Etwa die
Hälfte der late talkers holt den Entwicklungsrückstand bis zu einem Alter von drei bis
vier Jahren wieder auf, bei der anderen Hälfte manifestiert sich eine
Sprachentwicklungsstörung. Bei etwa 50 % der Kinder mit einer
Sprachentwicklungsverzögerung tritt wiederum in der Folge eine Legasthenie auf.
Man kann also sagen, dass ca. 1/4 der Kinder, die im Alter von 24
Monaten noch keine 50 Wörter verwenden können und noch nicht in Zweiwortsätzen
sprechen, später eine Legasthenie entwickeln.
- Phonologische Informationsverarbeitung: Die phonologische Bewusstheit ist der
wichtigste Einzelprädiktor (= Merkmal mit Vorhersagekraft) der Leseentwicklung
und es konnte ein enger Zusammenhang zwischen ihr und der
Rechtschreibleistung nachgewiesen werden. Etwa zwei Drittel der
Kinder, die später eine Lese-Rechtschreibstörung entwickeln, können bereits im
Vorschulalter oder zum Zeitpunkt der Einschulung anhand von Schwächen der phonologischen
Bewusstheit erkannt werden.
- Häusliche Lesesozialisation: Kinder aus schwächeren sozialen Schichten haben ein
erhöhtes Risiko für das Auftreten einer Lese-Rechtschreibschwäche. Ungünstige
sozioökonomische Verhältnisse führen aber nicht zwangsläufig zu Schwierigkeiten im
Lesen und Schreiben. Wichtig ist auch der häusliche Fernsehkonsum. Während
Normalseher (ca. eine Stunde täglich) sich von Wenigsehern
hinsichtlich Lese-Rechtschreibleistung und Leseverständnis nicht unterscheiden, schneiden
Vielseher (ca. zwei Stunden täglich und mehr) in allen Bereichen gravierend
schlechter ab. Dabei spielt vor allem die Qualität des Fernsehprogramms und weniger die
Dauer eine Rolle. Diese Unterschiede zwischen Viel- und Wenig-Sehern verstärken sich im
Laufe der Schulzeit.
Diagnostik
Besteht ein Verdacht auf Legasthenie, so müssen zunächst organische Ursachen wie
das Vorliegen einer Schwerhörigkeit oder Fehlsichtigkeit ausgeschlossen werden. Hierzu
muss das Kind von einem Facharzt untersucht werden. Mit den Eltern sollten ungünstige
Rahmenbedingungen abgeklärt werden, wie das Vorliegen seelischer und psychischer
Belastungen beispielsweise aufgrund der Trennung der Eltern, unangemessener
Leistungsdruck, die häusliche Arbeits- und Wohnsituation, der Fernsehkonsum etc. Unter
Umständen können bereits an dieser Stelle Ursachen für die Leistungsproblematik
identifiziert und behoben werden.
Kann keine Ursache der Schwierigkeiten gefunden werden, sollte als nächstes
sowohl der Leistungsstand des Kindes als auch das Leistungsprofil erfasst werden. Hierzu
gibt es eine ganze Reihe standardisierter Verfahren, mit denen die Leistung des Kindes
sehr genau beurteilt werden kann.
Zur Abgrenzung zwischen allgemeinen Problemen im schriftsprachlichen Bereich und
der Teilleistungsstörung Legasthenie wird neben der Leistung in Lese-Rechtschreib-Tests
außerdem die Leistung in einem Intelligenztest herangezogen. Eine Legasthenie wird
dann diagnostiziert, wenn bei schwacher schriftsprachlicher Leistung eine deutlich höhere
Intelligenzleistung vorliegt. Dieses Diskrepanzkriterium ist Gegenstand kontroverser
Debatten, und bislang konnte kein Konsens erzielt werden.
Was braucht der legasthene Schüler?
- 1. Eine Bestimmung des eigenen Lernstils.
- 2. Lernstrategien, die die Schwächen auf der einen Seite durch Stärken auf der
anderen Seite ausgleichen.
- 3. Ein multisensorisches Umfeld, in dem Lesen, Schreiben, Zuhören, Anfassen,
Anleitung und passive Musik so zusammenwirken, dass aktives Lernen möglich ist. Mit einer
einfachen Computerausrüstung kann man schon viel erreichen, da die Buchstaben dort sauber
vorliegen und Fehler mit etwas Hilfe schnell zu korrigieren sind. Es gibt aber auch kleine
Hörbücher, bei denen man den Text gut verfolgen kann und besondere Lernprogramme, die
das Buchstaben- und Silbenlesen oder die Basis-Rechenfertigkeiten geduldig trainieren.
Leichte Hintergrundmusik wird oft als angenehm empfunden, weil das Gehirn dadurch in das
Alphastadium versetzt wird, in dem Lernen besonders gut funktioniert.
- 4. Später kann man größere Programme mit automatischer Fehlerkorrektur
einsetzen, oder sogar ein Vorlese-Programm benutzen, bei dem der Computer das Lesen
übernimmt. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie arbeitet auf seiner Website zum
Beispiel mit dem ReadSpeaker und es gibt einen Reading Pen, der
auch für die Fremdsprachen interessant ist. Zu den meisten Schulbüchern gibt es heute
passende Softwareprogramme, die für legasthene Schüler eine ganz besondere Hilfe
darstellen. Manchmal reicht auch eine mit dem Scanner erstellte Textvergrößerung oder
eine bestimmte Farbfolie für Legastheniker, die das Lesen viel angenehmer
macht.
- 5. Die wichtigste Aufgabe der Betreuer ist es, die jeweils notwendigen Technologien
bereitzustellen und den Schüler damit vertraut zu machen. Natürlich wird es auch
weiterhin wichtig sein, die Schulen und Lehrer um Unterstützung zu bitten, damit
Legastheniker ihre besonderen Hilfsmittel, wie z.B. einen Laptop, besondere
Arbeitsanleitungen oder ein Aufnahmegerät, auch im Klassenraum benutzen können.
Quelle: Judith Stansfield Using technologies to support the dyslexic learner
Prävention und Therapie
Legasthenie kann sehr effektiv behandelt werden, wenn sie frühzeitig erkannt
wird. Am erfolgreichsten sind präventive Maßnahmen vor dem eigentlichen
Schriftspracherwerb oder im ersten Schuljahr. Diese präventiven Maßnahmen basieren auf
der Diagnose und Förderung der phonologischen Bewusstheit. Idealerweise sollten
potentielle Schwierigkeiten erkannt und angegangen werden, bevor Probleme im
Schriftspracherwerb überhaupt in Erscheinung treten.
Bleiben bei einem Kind dauerhafte Probleme in der Schriftsprache bestehen, so
empfiehlt es sich, so frühzeitig wie möglich mit der Förderung zu beginnen.
Interventionsmaßnahmen entfalten ihre größte Wirkung in den beiden ersten
Grundschulklassen, danach chronifizieren die Probleme sehr rasch. Im
deutschen Sprachraum sind die folgenden Trainingsprogramme anerkannt und z. T.
wissenschaftlich überprüft:
- Lautgetreue Rechtschreibförderung nach Reuter-Liehr
- Marburger Rechtschreibtraining nach Schulte-Körne & Mathwig
- Kieler Leseaufbau nach Dummer-Smoch & Hacketal
- Lautwortoperationsverfahren nach Kossow
- Pädagogische LRS-Therapie
- Legasthenie-Training nach der AFS-Methode nach Kopp-Duller
Diese Verfahren führen je nach Alter des Kindes und der individuellen Symptomatik
zu Verbesserungen der Lese- und/oder Rechtschreibleistung. Meist wird aber kein
durchschnittliches Schriftsprachniveau erreicht und bei einem Teil der Kinder bestehen die
Probleme trotz intensiver, langjähriger Förderung fort. In diesen Fällen hat die
Entlastung des betroffenen Schülers / der Schülerin vom schulischen Notendruck
Priorität. Da eine Legasthenie häufig von einer massiven Sekundärproblematik wie
z. B. Schulangs begleitet wird, ist oftmals eine Ergänzung durch zusätzliche
psychologische Interventionen nötig. Die Behandlung von Begleitstörungen beinhaltet
unter anderem:
- Abbau von leistungsbezogenen Ängsten und Aufbau von Lernmotivation, Übungen zur
Konzentration und Entspannung, die Erarbeitung von Selbsthilfemethoden, Techniken der
Fehlerkontrolle und Selbstbestätigung
- Einübung von Bewältigungsstrategien, Verarbeiten von Fehlererfahrung und
Versagenserlebnissen
- Behandlung spezifischer psychopathologischer Symptome wie z. B. Schulangst,
Einnässen oder dissoziale Entwicklung.
Unterstützung für die Lehrer
Auf nur zwei Seiten zusammengefasste Anregungen und Strategievorschläge für
Pädagogen sind unter dem Titel Schüler die anders
lernen Unterstützung für die Lehrer nach einer weltweiten
Befragung internationaler Experten entstanden, um sicherzustellen, dass Schüler mit
besonderen durch Legasthenie, Dyskalkulie oder andere spezielle
Lernbehinderungen verursachte Erziehungsbedürfnissen auch außerhalb ihres
Heimatlandes die notwendige Hilfe bekommen. Man findet darin die wichtigsten Tipps für
den Umgang mit Lernstörungen und der heute immer wieder propagierten Integration, damit
alle Kinder so gut wie möglich gefördert werden können, aber auch schon früh lernen,
aufeinander Rücksicht zu nehmen. Das Projekt Students who learn differently
wurde 2001 in Belgien gestartet und vom Bildungsausschuss der Vereinigung der
Amerikanischen Frauenvereine Übersee (FAWCO) weltweit vorgestellt, in viele Sprachen
übersetzt und immer wieder verbessert. Die aktuelle Deutsche Version kann unter http://www.studentswholearn.fawco.org/translations/german.doc
abgerufen werden.
Die Britische Dyslexia Association (BDA) und die Manchester Metropolitan
University machen auf eine professionell entwickelte Lehrerfortbildung aufmerksam, mit der
auf Legasthenie hingewiesen, aber auf keinen Fall eine Konkurrenz zu Experten hergestellt
werden soll. Vielmehr sollen normale Lehrer damit den Wert von speziellem Training
erkennen und mehr Verständnis dafür aufbringen, damit Schüler auch im Klassenraum ihre
neu erlernten Fähigkeiten anwenden können. Diese Fortbildung für
legasthenie-freundliche Schulen ist in englischer Sprache unter http://www.did.stu.mmu.ac.uk/DyslexiaFriendly
zu finden.
Schule und Recht
Eine korrekte Beherrschung der Schriftsprache gilt in der heutigen Gesellschaft
als Indiz für Bildung und Intelligenz. Das ist vermutlich der Grund, weswegen Kindern und
Jugendlichen mit Legasthenie lange Zeit eine höhere Schulbildung versagt wurde und diese
als dumm oder faul stigmatisiert wurden. 1999 erließ Bayern als erstes Bundesland den
sog. Legasthenieerlass, in welchem Schülern und Schülerinnen mit diagnostizierter
Lese-Rechtschreibstörung weitreichende Rechte eingeräumt wurden, darunter Zeitzuschläge
von bis zu 50 % und Notenschutz bei schriftlichen Arbeiten. Mittlerweile hat jedes
Bundesland einen eigenen Erlass herausgegeben, und auch die deutsche
Kultusministerkonferenz nahm sich 2003 dieser Thematik an. Die Vorschriften der Erlasse
variieren von Bundesland zu Bundesland sehr stark, sodass es notwendig ist, sich in den
betreffenden Erlass gezielt einzuarbeiten. Generell ist die grundsätzliche Gewährung
folgender Nachteilsausgleiche sinnvoll:
- Verzicht auf Bewertung der Lese- und/oder Rechtschreibleistung
- vorwiegendes mündliches Abprüfen
- Zeitzuschläge bei schriftlichen Leistungen
- Gewährung zusätzlicher Hilfen wie z. B. das Erstellen schriftlicher Arbeiten
mithilfe eines Computers
Daneben sollte eine gezielte, individualisierte Förderung in Kleingruppen als
Ergänzung zum normalen Unterricht angeboten werden. Das Förderangebot sollte sich am
individuellen Entwicklungsstand und Leistungsprofil des jeweiligen Schülers orientieren.
Die Schule ist jedoch in vielen Bundesländern außerstande, das betroffene Kind adäquat
zu fördern, und verweist auf das zuständige Jugendamt, wo die Bezahlung einer
außerschulischen Legasthenietherapie gemäß §35a des Kinder- und Jugendhilfegesetzes
(§ 35a SGB VIII) beantragt werden kann. |
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